Ein Akt der wiederholten Auslöschung

Stellungnahme von Pary El-Qalqili & Iz Öztat, 27. Juni 2026

Zwischen dem 7. und 10. Juni 2026 wurden zwei Halsketten mit der historischen Karte Palästinas aus der „Vitrine der verbotenen Dinge“ von Pary El-Qalqili gestohlen, die Teil unserer Ausstellung „Wie verlernen wir Gehorsam?“ in der Galerie Nord ist. Diese Installation dient als aktives politisches Archiv von Gegenständen, deren Tragen Schüler*innen an Berliner öffentlichen Schulen seit Oktober 2023 untersagt ist. Diese alltäglichen Symbole der Zugehörigkeit und Solidarität, die uns von den Jugendlichen selbst großzügig zusammen mit Berichten über das gegen sie verhängte Verbot als Leihgabe überlassen wurden, sind im Rahmen der jüngsten Disziplinarvorschriften stark kriminalisiert worden. Die Jugendlichen haben uns diese Gegenstände in der Annahme anvertraut, dass ihre Geschichten geschützt würden. Unabhängig von der Motivation hinter dem Diebstahl ist dessen unmittelbare Folge ein Akt wiederholter Auslöschung: Zunächst durch den Berliner Senat für Bildung, Jugend und Familie, dann durch den Diebstahl. Bei diesem Verlust geht es nicht um materiellen Wert, sondern um eine tiefgreifende symbolische Bedeutung. Der Diebstahl des ausgestellten palästinensischen Eigentums reproduziert aktiv genau jenen antipalästinensischen Rassismus und jene strukturelle staatliche Gewalt, die unsere Ausstellung kritisiert.

Wenn eine Institution sich bereit erklärt, ein politisches Archiv dieser Art auszustellen, übernimmt sie damit eine Fürsorgepflicht. Wir haben die Galerie Nord aufgefordert, bei der Auseinandersetzung mit den politischen und emotionalen Auswirkungen dieses Vorfalls Transparenz und öffentliche Rechenschaftspflicht zu zeigen. Die Institution reagierte mit bürokratischen Versuchen, diesen Diebstahl auf einen bloßen Verlust von „Material“ zu reduzieren, was nur beweist, wie tief die Kultur der institutionellen Missachtung tatsächlich verwurzelt ist – was dazu führt, dass palästinensische Existenz aus dem Galerieraum selbst physisch ausgelöscht wird. Auch wenn diese Objekte aus der Vitrine entwendet wurden, kann das politische Bewusstsein der Schüler*innen, die sich an deutschen öffentlichen Schulen gegen staatliche Repression wehren, nicht gestohlen, zerschlagen oder zum Schweigen gebracht werden. Wir weigern uns, diese Auslöschung zur Normalität werden zu lassen.

An Act of Repeated Erasure: Statement on the Theft at Galerie Nord

Pary El-Qalqili & İz Öztat, June 27th, 2026

Between June 7 and 10, 2026, two necklaces featuring the historical map of Palestine were stolen from the “Vitrine of Forbidden Things” by Pary El-Qalqili that is part of our exhibition, “How to Unlearn Obedience?” at Galerie Nord. This installation serves as an active political archive of objects that students in Berlin public schools have been prohibited from wearing since October 2023. Generously loaned by the youth themselves alongside accounts of their prohibition, these everyday symbols of belonging and solidarity have been heavily criminalized under recent disciplinary directives. The youth entrusted us with these objects under the assumption that their histories would be protected. Regardless of the motivation behind the theft, its immediate consequence is an act of repeated erasure: First by the Berlin Senate for Education,Youth and Family, and then by the theft.This loss is not about material value, it has profound symbolic weight. The theft of exhibited Palestinian property actively reproduces the exact Anti-Palestinian Racism and structural state violence that our exhibition critiques.

When an institution agrees to exhibit a political archive of this nature, it assumes a duty of care. We have called on Galerie Nord to demonstrate transparency and public accountability in addressing the political and emotional impact of this incident. The institution responded with bureaucratic attempts to reduce this theft to a mere loss of "material", which only proves how deeply ingrained the culture of institutional disregard truly is, leading to the physical erasure of Palestinian existence from the very gallery space. While these objects have been taken from the vitrine, the political consciousness of the students resisting state repression in German public schools cannot be stolen, dismantled, or silenced. We refuse to let this erasure be normalized.