Genau in solchen Zeiten: Das Recht an palästinensischer Geschichte und Gegenwart zu arbeiten
Stellungnahme zu dem Süddeutsche Zeitung Gastbeitrag “Zensur sieht anders aus” (11. Februar 2026) / “Sieht so Zensur aus?” (18. Februar 2026)
Dieser Artikel wahrt weder zentrale journalistische Grundsätze noch den Pressekodex – weder im Umgang mit Stellungnahmen der im Beitrag genannten Personen noch mit mir als freischaffender Filmemacherin. Besonders gravierend erscheint mir jedoch der fehlende Schutz eines Minderjährigen, der in diesem Artikel der Sensationslust preisgegeben wird. Mit großem Befremden stelle ich fest, dass sein besonderer Schutz in der Berichterstattung nicht hinreichend berücksichtigt wurde. Der Pressekodex verlangt bei identifizierender Berichterstattung eine sorgfältige Abwägung; Sensationsinteresse rechtfertigt keine Identifizierung (Richtlinie 8.3). Zudem ist bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen – ausdrücklich auch Minderjährigen – besondere Zurückhaltung geboten (Richtlinie 4.2).
Als der Artikel am 11. Februar 2026 als erstes erschien wurde der Jugendliche namentlich erwähnt. Das, wie auch der Umstand, dass ich für den Artikel der Süddeutschen Zeitung nicht vom Autor, Jonathan Guggenberger, kontaktiert wurde, habe ich bei der Redaktion beanstandet. Der Artikel ist heute, am 18. Februar, erneut erschienen. Der Name des Jugendlichen wurde zwar nachträglich entfernt, der Artikel weist jedoch nicht selbst darauf hin. Doch auch diese Korrektur greift zu kurz: Aus einem 16-Jährigen wird sprachlich ein „junger Mann“. Damit wird der Betroffene – wie es sonst vor allem Boulevardmedien tun – aus dem Schutzraum der Minderjährigkeit herausgeschrieben. In einem Kontext, in dem der Genozid in Gaza palästinensischen Jugendlichen ohnehin die Kindheit raubt, ist diese sprachliche Verschiebung besonders folgenreich: Sie erleichtert Verdächtigungen, normalisiert Härte und macht aus einer verletzlichen Gruppe eine öffentliche Zielscheibe. Der Jugendliche wird vom Autor missbraucht, um mich anzugreifen. Obwohl der Artikel eingangs den Anspruch erhebt, eine allgemeine Entwicklung zu skizzieren, konzentriert er sich nahezu ausschließlich polemisch und denunzierend auf meine Person und meine künstlerische Praxis. Zweck des Beitrags kann nur sein, meine Arbeit zu palästinensischer Geschichte und Gegenwart in Deutschland unmöglich zu machen.
Die Argumentation des Autors beruht auf einem Fehlschluss, einem verkürzten Verständnis von Zensur und Repression. Aus dem Umstand, dass der Staat nicht mit offener Zensur auf jede kritische künstlerische Position reagiert, folgt nicht, dass keine Repression existiert. Strukturelle Einschüchterung funktioniert nicht binär – es geht nicht darum, ob jede kritische Stimme vollständig zum Schweigen gebracht wird, sondern um den abschreckenden Effekt auf den gesellschaftlichen Diskurs. Zudem haben Künstler*innen, die in Deutschland leben und arbeiten, einen legitimen Anspruch auf Kulturförderung nach Qualitätsmaßstäben – unabhängig von ihrer politischen Haltung. Förderung in Anspruch zu nehmen und zugleich staatliches Handeln zu kritisieren, ist kein Widerspruch. Die implizite Suggestion des Artikels, politische Konformität könne oder solle Voraussetzung für Förderung sein, verkehrt das Prinzip der Kunstfreiheit ins Gegenteil – und genau darin liegt die eigentliche Gefahr.
Im öffentlichen Diskurs scheinen für palästinensische Stimmen nicht dieselben Rechte und Selbstverständlichkeiten zu gelten wie für andere. Palästinenser*innen sind Menschen (nicht „menschliche Tiere“, ehemaliger israelischer Verteidigungsminister Yoav Gallant, 09.10.2023). Palästinenser*innen in Deutschland stehen dieselben Grund- und Menschenrechte zu wie allen anderen: Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Kunstfreiheit. Wir haben das Recht, an unserer Geschichte zu arbeiten. Wir haben das Recht, um unsere Toten zu trauern. Das Recht, ein Ende und Aufarbeitung des Genozids, politische Selbstbestimmung und eine territoriale Heimat einzufordern. Und das Recht, die Angst auszusprechen, dass ein ganzes Volk vor den sehenden Augen der Welt ausgelöscht wird. Dass diese elementaren Dinge in Deutschland überhaupt ausgesprochen werden müssen, zeigt, wie eng der Raum für palästinensische Perspektiven geworden ist. Genau in diesem Raum arbeite ich. Mit meiner Kunst hinterfrage ich mediendiskursive Bildpolitiken über Palästinenser*innen – heute ebenso wie vor 50 oder 100 Jahren. Ich nutze künstlerische Mittel, um sichtbar zu machen, wie Bilder entstehen, zirkulieren und politische Wirklichkeit mitformen. Ich will Stimmen hörbar machen, die im öffentlichen Diskurs allzu oft ausgeblendet bleiben.
Pary El-Qalqili
Berlin, 18. Februar 2026