MAN WIRD JA WOHL NOCH SCHWEIGEN DÜRFEN

Videoinstallation, 2026, 16:34min, Sprache: Deutsch mit englischen Untertiteln

Eine Lehrerin betritt ein Klassenzimmer, wischt die Tafel, korrigiert Klassenarbeiten. Was sie aus den Heften vorliest, kommt aus anderen Jahrzehnten: Sätze von Johanna Haarer über Säuglinge, die man schreien lassen soll, bis sie begreifen, dass ihr Schreien nichts nützt. Der Text geht auf einen nationalsozialistischen Erziehungsratgeber zurück, der nach 1945 nur leicht entnazifiziert weiter aufgelegt wurde und Generationen weißdeutscher Mütter prägte. Sätze über die Schule, die das Kind erst zerbrechen müsse, um es brauchbar zu machen. Die Geschichten, die in den Heften stehen, hat sie selbst einmal gelernt und weitergegeben. Was als Routine beginnt, gerät außer Takt. Irgendwo zwischen Struwwelpeter und Staatsräson verliert sich die Unterscheidung zwischen der, die Ordnung schafft, und der, die ihr nicht entkommt.

Der Titel ist einem Film entlehnt, den lange Zeit niemand sehen sollte: Bambule, geschrieben 1969 von Ulrike Meinhof, vor der Ausstrahlung zurückgehalten, vierundzwanzig Jahre verschwunden. Meinhof hatte sich von ihrem Regisseur gewünscht, näher an die Wahrheit zu kommen, nicht näher an die Wirklichkeit. Diese Unterscheidung gilt auch hier. Der Film Man wird ja wohl noch schweigen dürfen fragt nicht, wer Schuld trägt. Nicht an der Erziehung, nicht am Unterricht, nicht am Schweigen. Er fragt, was es mit einem Körper macht, jahrzehntelang das Sprachrohr einer Ordnung zu sein, die er selbst nicht mehr verteidigen kann.

Mit
Anna Schmidt

Buch, Regie, Produktion
Pary El-Qalqili

Bildgsstaltung
Christiane Schmidt

Ton
Mousa Al-Azzeh

Schnitt & Colour Grading
Sok-Muy Vanessa Ly

Das Skript basiert auf einem gemeinschaftlichen Rechercheprozess mit İz Öztat und einem Gespräch mit FOSrebell.

Es ist inspiriert von “Saute ma ville” von Chantal Akerman (1968).

Der Film ist im Rahmen der Ausstellung “Wie verlernen wir Gehorsam?” von Pary El-Qalqili und İz Öztat entstanden, die vom 10. Mai bis zum 12. Juli 2026 im Studio I Galerie Nord gezeigt wird.