WIE VERLERNEN WIR GEHORSAM?
Pary El-Qalqili und Iz Öztat, Studio I Galerie Nord I Berlin
Was bedeutet es, in einem System aufzuwachsen, das darauf ausgelegt ist, Gehorsam zu erzeugen? Wie verlernen wir Gehorsam? bringt Werke zusammen, die den Einfluss staatlicher Kontrolle an deutschen öffentlichen Schulen untersuchen und es wagen, Bildung jenseits von Disziplinierung und Unterwerfung zu denken.
El-Qalqili und Öztat greifen auf einen deutschen Literaturkanon zurück, der seit dem 19. Jahrhundert Gehorsam als Tugend einübt, in der NS Pädagogik ideologisch verschärft wurde und in veränderter Form bis heute in Klassenzimmern fortwirkt. Sie zeichnen die tiefgreifende Prägung der Gehorsamskultur nach: ihre Mechanismen der Bestrafung, Überwachung und Kontrolle und was sie denjenigen abverlangen, die ihnen ausgesetzt sind.
Überreste der Vitrine der verbotenen Dinge (2026) zeigt Gegenstände, deren Tragen Schüler*innen an Berliner Schulen seit Oktober 2023 untersagt oder beanstandet wurde. Ausgangspunkt war ein Schreiben der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie vom 13. Oktober 2023 mit dem Titel „Umgang mit Störungen des Schulfriedens im Zusammenhang mit dem Terrorangriff auf Israel“. Darin wurden bestimmte Handlungen, Symbole und Meinungsäußerungen untersagt, sofern sie als Befürwortung oder Billigung der Angriffe gegen Israel oder als Unterstützung von Hamas oder Hisbollah verstanden werden könnten. Zugleich verwies das Schreiben auf Erziehungs-und Ordnungsmaßnahmen nach dem Berliner Schulgesetz sowie auf die Meldung strafrechtlich relevanter Verdachtsfälle an die Polizei. Das Verbot richtete sich in erster Linie gegen Symbole und Ausdrucksformen mit palästinensischem Bezug. Früh wurde kritisiert, dass solche Verbote besonders palästinensische, arabische und muslimische Schüler*innen treffen und Ausdrucksformen palästinensischer Identität und Solidarität unter Verdacht stellen. Für die betroffenen Schüler*innen bedeutet das, dass alltägliche Zeichen von Zugehörigkeit, Trauer, Solidarität oder familiärer Geschichte dauerhaft auf ihre mögliche strafrechtliche Relevanz hin gelesen werden können. Der Klassenraum wird so zu einem Ort permanenter Selbstüberwachung. Damit gerät eine Grundannahme schulischer Bildung unter Druck: dass Identität dort befragt, geübt und ausgehandelt werden darf, ohne dass jeder Akt der Selbstverortung als Verdachtsmoment registriert wird.
Der Titel Vorbei mit der Übeltäterei (2026) von İz Öztats Skulptur und Fensterinstallation ist dem letzten Satz von Wilhelm Buschs Bildergeschichte Max und Moritz (1865) entlehnt. Zwei lebensgroße, in Filz gehüllte Figuren auf dem Boden zitieren die Szene aus dem Buch, in der die „bösen Buben“ in Teig gewickelt und in den Ofen geschoben werden. Diese Bildsprache wiederholt sich und bildet Reihen von Körpern an einem Fenster des Ausstellungsraums. Obwohl die Kinder diese schwere Strafe überleben, werden sie im letzten Kapitel in der Mühle gemahlen und an die Enten verfüttert. Ein weiteres Fenster trägt die abfällige Reaktion eines Dorfbewohners in verschiedenen Sprachen: „Wat geht meck dat an?!“ Die Geschichte von Max und Moritz offenbart die kalte, harte Ethik einer autoritären Gesellschaft sowie die moralische Doppelmoral in Bezug auf Ungehorsam und Bestrafung. Die Lehre der Geschichte hängt davon ab, wer als Übeltäter und wer als Opfer wahrgenommen wird und mit wem sich die Leserschaft identifiziert.
In Pary El-Qalqilis Man wird ja wohl noch schweigen dürfen (2026) betritt eine Lehrerin ein Klassenzimmer, schließt die Tür ab und versucht, ihrer Rolle als Ordnungshüterin gerecht zu werden. Die Struktur epistemischer Gewalt ist nicht nur in den Unterrichtsmaterialien, der Pädagogik und dem Unterrichtsstil verankert, sondern auch im Körper der Lehrerin. Während sie zunächst Ordnung, Gehorsam und Fügsamkeit fordert, schwindet ihre Autorität zunehmend. Sie kann weder die Schüler*innen bändigen noch ihren rebellischen Gesten Einhalt gebieten. Die Fragen der Schüler*innen bringen sie an ihre Grenzen. Ihre selbstzerstörerische Handlung offenbart, dass es innerhalb des Korsetts staatlicher Gewalt keine Zuschauer*innen gibt. Der Titel ist einem Film entlehnt, den lange Zeit niemand sehen sollte: Bambule, geschrieben 1969 von Ulrike Meinhof, vor der Ausstrahlung zurückgehalten, vierundzwanzig Jahre verschwunden. Meinhof hatte sich von ihrem Regisseur gewünscht, näher an die Wahrheit zu kommen, nicht näher an die Wirklichkeit. Diese Unterscheidung gilt auch hier. Der Film Man wird ja wohl noch schweigen dürfen fragt nicht, wer Schuld trägt. Nicht an der Erziehung, nicht am Unterricht, nicht am Schweigen. Er fragt, was es mit einem Körper macht, jahrzehntelang das Sprachrohr einer Ordnung zu sein, die er selbst nicht mehr verteidigen kann.
Ein seltsames Gefühl im Bauch (2026), ein Puppenspiel für die Kamera von İz Öztat, reflektiert kritisch über die systemische Unterdrückung innerhalb des Schulpflichtsystems und die ideologische Instrumentalisierung des Puppenspiels. Das Werk nutzt die Figuren und Konventionen des Kasperletheaters – traditionell ein Ort subversiver Satire, der „der Macht die Wahrheit sagte“. Im 20. Jahrhundert wurde das Kasperletheater jedoch gezähmt, um als pädagogisches Sprachrohr für herrschende Ideologien zu dienen. Geführt von einem ungehorsamen Kasperle und Moritz spürt das Publikum der Geschichte von Handpuppen in Schulen nach und deckt auf, wie die Polizei sich die Methode des Puppenspiels zunutze gemacht hat. In den Händen der Schüler*innen entlarven die Puppen das Klassenzimmer nicht als sicheren Ort des Lernens, sondern als einen Ort staatlicher Repression.
Die Schule des Ungehorsams (2026) wurde von Pary El-Qalqili als Teil der Ausstellung konzipiert. Die vierteilige Workshop-Reihe lädt Jugendliche dazu ein, ihre eigenen Vorstellungen davon zu formulieren, wie eine Schule jenseits von staatlicher Kontrolle und polizeilichen Eingriffen aussehen könnte. Sie eröffnet einen Raum, in dem die Schüler*innen ihre Erfahrungen mit Disziplinierung und Praktiken der Bestrafung teilen können. Die Workshops - Mapping mit Rheim Alkadhi, Verkörperter Widerstand mit Veronika Gerhard, SIngen und Spoken Word mit Zeina Zouqah und Storytelling mit Leila Boukarim - ermöglichen den Jugendlichen ihre eigene künstlerische Praxis zu entwickeln. An zwei Gesprächsabenden werden die Strafverteidigerin Nevin Duran und die Rechtswissenschaftlerin Nahed Samour diskutieren, inwiefern die Schule als Institution zu einem Ort der Überwachung und staatlicher Gewalt wird.
Ein gemeinsam von den Künstlerinnen produziertes Zine mit dem Titel Feldnotizen zu staatlicher Gewalt an Schulen, Berlin, 2026 gibt Einblick in ihren Rechercheprozess und hinterfragt Bildungslogiken, die staatliche Gewalt und Kriminalisierung normalisieren. Es versammelt Interviews mit Schüler*innen, die Widerstand gegen Repression an staatlichen Schulen in Deutschland leisten, ein Gespräch zwischen Pary El-Qalqili, der Rechtswissenschaftlerin Nahed Samour und der Strafverteidigerin Nevin Duran sowie einen Dialog zwischen El-Qalqili und Öztat über ihren künstlerischen Rechercheprozess und ihre Arbeitsweise.
Link zu Feldnotizen zu staatlicher Gewalt an Schulen, Berlin, 2026
Link to Field Notes on Policing in Schools, Berlin, 2026
Installation fotos: Wataru Murakami